Die Welt
25.Oktober 2005

Schimpfen ist gesund

In fünf Prozent aller Gespräche am Arbeitsplatz wird geflucht -- Und davon profitieren alle

Von Ingeborg Bördlein

Berlin - Schimpfen oder fluchen Sie doch mal richtig, wenn Ihnen danach zumute ist! Wer im Auto über die "Idioten am Steuer" herzieht oder Kollegen am Arbeitsplatz mit wenig schmeichelnden Attributen versieht, tut sich selbst und seiner Umwelt etwas Gutes. Verbal Dampf abzulassen schützt davor, die Mitmenschen körperlich zu attackieren. Dies bestätigt jetzt der amerikanische Psychologe Timothy Jay aus Massachusetts, der sich wissenschaftlich mit Schimpfwörtern und deren gesellschaftlichen Auswirkungen beschäftigt.

[Das alles hat dieser Gelehrte von mir adoptiert. Es ist nichts Neues: darüber schreibe und spreche ich seit Jahrzehnten. -- R.A.]

Dieser Zweig der Psychologie wird als Malediktologie bezeichnet. Jay schätzt, daß etwa fünf Prozent der Gespräche am Arbeitsplatz aus Fluchen und Schimpfen bestehen. In der Freizeit sind es gar rund zehn Prozent.

Ein beliebter Ort für das Ablassen von Schimpfkanonaden ist das Auto - wie wohl jeder aus eigener Erfahrung weiß. Die Spannweite reicht von unflätigen Ausdrücken über den gezeigten Vogel bis zum Stinkefinger. Schimpfen hilft aber auch Lehrern, ihren Schulalltag leichter zu ertragen, und Kranken, ihre Schmerzen besser zu bewältigen, so Jay. Der Theorie der Malediktologen zufolge hilft Fluchen generell, das seelische und körperliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Es dient als Ventil für unterdrückte Emotionen, die sich sonst gegen einen selbst oder andere richten würden.

Der kalifornische Fluchforscher Reinhold Aman beschreibt die Kaskade des Schimpfens so: Man ist über irgend etwas oder jemanden sehr verärgert und wird dadurch in einen Erregungszustand versetzt. Über derbe Worte und Gesten wird dieser Zustand wieder abgebaut. Psychologen sprechen von einem Aggressionsabbau durch Verbalaggression. Wer verbal attackiert, benutzt die Worte als Ersatzwaffen. Schimpfkanonaden sind Scheinkämpfe: Der Gegner wird verbal eingeschüchtert und gibt im Vorfeld auf, so daß es nicht zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommt -- wie nicht selten im Tierreich.

Verbale Angriffe werden gesellschaftlich eher toleriert als körperliche. Am Arbeitsplatz sorgt ein reinigendes verbales Gewitter eher für ein besseres Betriebsklima, sagen Arbeits- und Organisationspsychologen. Nach Jays Erhebungen fluchen kleine Knaben und Mädchen gleich häufig, während im Erwachsenenalter die Männer deutlich häufiger derbe Worte loslassen. Schimpfwörter gibt es in jeder Sprache, in jeder Kultur, und es gab sie zu allen Zeiten.

[Alles ebenfalls von mir. Der obige Gelehrte befaßt sich nur mit Englisch und hat vom Schimpfen und Fluchen in anderen Sprachen keine Ahnung. Die Verfasserin (Ingeborg Bördlein) gibt keine Quelle an, hat mich nie interviewt und hat anscheinend ihren Artikel aus früher erschienenen Aufsätzen und Berichten zusammengeschustert. -- R.A.]

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