Berliner Morgenpost
17. November 1996

"Mistdreck"
Fluchen kann zur Krankheit werden

Die Wissenschaft vom Fluchen -- die Malediktologie -- ist noch ein relativ junger Zweig der Psychologie. Trotzdem hat sie interessante Ergebnisse zu Tage gefördert. Demnach bestehen etwa fünf Prozent der Gespräche am Arbeitsplatz und über zehn Prozent der Freizeit-Unterhaltungen aus Fluchen und Schimpfen. Tendenz steigend. Das fand der amerikanische Psychologe Timothy Jay heraus. Während in einem Kinofilm in den 60er Jahren noch etwa ein- bis zweimal geflucht wurde, kam Schauspielern Ende der 80er Jahre fast 100mal pro Film ein derber Spruch über die Lippen.

    Ein Fluch hilft, das seelische und körperliche Gleichgewicht wieder herzustellen. "Menschen lassen durch das Sicherheitsventil des Schimpfens ihren emotionalen Dampf ab", erläutert der kalifornische Fluchforscher Reinhold Aman, der sogar eine Fluch-Fachzeitschrift, die "Maledicta", herausgibt. Schimpfen und Fluchen seien dabei das letzte Glied einer dreiteiligen Verhaltenskette: "Man ist irgendwie frustriert oder verärgert, gerät deswegen in einen Erregungszustand und versucht, sich durch Gestikulieren, Schimpfen oder Fluchen abzureagieren."

    Amerikanische Untersuchungen zeigen, daß viele US-amerikanische Jugendliche chronische Schimpfer sind. Der Sprachwissenschaftler Thomas E. Murray von der Kansas State University untersuchte die Flüche von 4000 Schülern aus dem amerikanischen Mittelwesten. Ergebnis: Mädchen fluchen ebenso oft und heftig wie Jungen -- unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder der Hautfarbe. Früher seien Frauen aus Ärger oder Frust in Ohnmacht gefallen, heute würden sie stattdessen heftig schimpfen.

    Auch eine ernsthafte Krankheit haben die Forscher bereits ausgemacht: Das Tourette-Syndrom. Wer darunter leidet, verwendet in Schrift und Sprache zwanghaft Obszönitäten. In Deutschland sollen zur Zeit etwa 50.000 Menschen an dieser Störung leiden; Männer sind dreimal so häufig betroffen wie Frauen.

    Für Reinhold Aman ist der Fluch- und Schimpfwortschatz die sicherste Methode, um tiefe Einblicke in die Werte einer Kultur zu bekommen. Es gebe weltweit drei universelle Fluchgruppen: "Gotteslästerer" stammen vorwiegend aus katholischen Kulturen. Ihr schlimmstes Vergehen ist die Beleidigung der Religion. Die "Familienschänder" seien in Afrika, Asien und Ozeanien weit verbreitet. Deren größtes Tabu ist die Beschimpfung von Familienmitgliedern, insbesondere der Mutter. Die "Prüden" schließlich sind dem Forscher zufolge hauptsächlich in puritanischen Kulturen wie in Amerika anzutreffen. "Ihre Flüche beschäftigen sich überwiegend mit Geschlechts- und anderen Körperteilen sowie deren Ausscheidungen." (Deutsche Presse Agentur. Aus Psychologie heute, Nov. 1997)


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