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Die Zeit
18. April 1975
Nr. 17, S. 17
Der Saustall
Eine Polit-Sprach-Justiz-Posse
Von Dieter E. Zimmer
Da ist sie endlich, die Stunde der Sprachtüftler: Sie dürfen ihre Kunst
an einem nationalen Problem erproben. Was, dem strengsten Wortsinn nach, hat er gemeint,
der CSU-Vorsitzende, als er am Aschermittwoch in Passau vom "eklatanten Versagen"
derer sprach, "die ausgezogen waren, Deutschland zu reformieren, und einen Saustall
ohnegleichen angerichtet haben"? Hat Willy Brandt ihn richtig interpretiert,
als er im schleswig-holsteinischen Wahlampf verkündete: "Wir sind stolz
auf dieses Land, das Strauß einen Saustall nennt"?
Strauß erwirkte beim Landgericht Bonn eine Einstweilige Verfügung gegen
Brandt: Deutschland einen "Saustall" genannt haben will er nicht. Brandt
legte Widerspruch ein: Sehr wohl habe Strauß Deutschland einen "Saustall"
genannt. Beide Parteien präsentierten dem Gericht sprachwissenschaftliche Gutachten.
Brandts Auslegung des mißlichen Satzes bestätigten die Professoren Jens,
Kramer und Wapnewski. Kramer zum Beispiel: "Der Terminus (ist) ausschließlich
im Sinne einer Zustandsbeschreibung auf einen lokalen, topographischen, geographischen
oder ähnlichen Begriff, also einen Ort, zu beziehen, nicht jedoch auf ein beliebiges
Abstraktum, eine Handlung ..."
Demgegenüber bemühte der Augsburger Professor Weber nicht weniger als "informationskritische,
semantische, sprachsoziologische, satzstrukturale, kontextuelle, gruppenpsychologische,
logische und persönlichkeitsrechtliche Argumente", um nachzuweisen: "Aufeinander
zu beziehen sind nicht 'Deutschland' und 'Saustall', sondern als zusammengehörige
Sinngruppen 'Deutschland reformieren' und 'Saustall angerichtet', also Absicht und
Ergebnis."
Welche Gelehrte haben recht? "Saustall" ist ein seit der Luther-Zeit belegtes,
besonders im Oberdeutschen gebräuchliches Schimpfwort; genauer: eine metaphorische
Sachschelte (wie "Mist", "Saftladen"). Ein Schimpfwort ist,
dem Schimpfwortforscher Reinhold Aman zufolge, jedes aggressiv verwendete Wort. Abstrakte,
metaphorische, affektgeladene Schimpfwörter seien, so Aman, noch viel schwieriger
zu definieren als andere Wörter. Schon Grimms Wörterbuch führt
neben der Bedeutung A, "Saustall" als Lokalität, eine übertragene
Bedeutung B: "Unschicklichkeit". Auch das größte aktuelle deutsche
Wörterbuch, das von Wahrig, kennt neben der Bedeutung A (Schweinestall) eine
vulgäre zweite: "Schlampige, nachlässige Wirtschaft". Küppers
"Wörterbuch der deutschen Umgangssprache" definiert "Saustall"
so: "Unreinliche Stätte; Mißstand jeder Art; sehr große Unordnung;
schwere Disziplinlosigkeit".
Woraus einwandfrei erhellt: Ein "Saustall" ist einerseits ein Ort, andererseits
auch der an selbigem herrschende Zustand. Strauß kann also sprachwissenschaftlich
glaubhaft versichern, er habe B gemeint. Brandt ist sprachwissenschaftlich aber auch
berechtigt, A verstanden zu haben. Wollte Strauß die Auslegung A vermeiden,
so hätte er sich nicht nur kräftig, sondern auch deutlicher ausdrücken
müssen.
Worauf sich die Sprachwissenschaft mit einer Verbeugung zu beiden Parteien schon
wieder diskret zurückziehen darf. Sie darf es um so ruhiger, als sowieso alle
Strauß verstanden haben: Die Reformer hätten einen liederlichen Zustand
der Mißwirtschaft herbeigeführt. Der sowie der Ort, an dem er herrscht,
heißt im Straußschen Soziolekt eben: "Saustall". (Wie übrigens
heißen die lieben Tiere, die einen Saustall zu einem Saustall machen? Aber
glücklicherweise, hat die SPD auf eine Beleidigungsklage verzichtet.)
Und wie nennt man es, wenn die Justiz (vom Bürger bezahlt, zu Wichtigerem berufen)
mit solchen Wortklaubereien belämmert wird? Wenn mit dem Gezänk über
einen Kraftausdruck von den wichtigeren Fragen abgelenkt wird? Man nennt es einen
... eine Unschicklichkeit.
Copyright © 1975 Die Zeit
The original online story is here.

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