Neue Zürcher Zeitung
Folio

Zurich (Switzerland)
October 1996

Wer flucht warum am schönsten?

Von Joni Müller

Reinhold Aman ist seit zwanzig Jahren Herausgeber der von ihm gegründeten Zeitschrift «Maledicta: The International Journal of Verbal Aggression», die sich mit sämtlichen Aspekten des Schimpfens und des vulgären Sprachgebrauchs in aller Welt befasst. Er wurde 1936 in Bayern geboren, studierte Chemie in Augsburg und wanderte 1957 nach Kanada aus. Nach zwei Jahren in einer Ölraffinerie zog er nach Wisconsin, wo er als Metallurge arbeitete. Später studierte er Pädagogik, Germanistik, Französisch und Spanisch und promovierte 1968 an der Universität Texas mit einer Dissertation über den Kampf in Wolframs «Parzival». Nach sechs Jahren als Assistenzprofessor hatte er genug vom «kakademischen Betrieb» und konzentriert sich seither auf die «Maledictologie». Neben verschiedenen anderen Werken hat er das «Bayrisch-österreichische Schimpfwörterbuch» verfasst. Aman wohnt mit seinen zwanzig Katzen in Santa Rosa bei San Francisco. Mit Reinhold Aman in Santa Rosa sprach Joni Müller.

Reinhold Aman, warum flucht und schimpft der Mensch?

Der Mensch flucht und schimpft, wenn er sich ärgert, wenn er frustriert ist. Schimpfen ist die dritte Stufe in einer Kausalkette. Die erste Stufe ist Frustration, in der zweiten Stufe gerät man in einen Affektzustand, ist geistig, seelisch, körperlich aus dem Gleichgewicht. Man ist wie ein Dampfkessel, der explodiert, wenn der Dampf nicht abgelassen wird. Und die dritte Stufe, das Schimpfen, ist eines der Sicherheitsventile. Man kann sich abreagieren durch Schlagen, Stechen, Schiessen oder eben durch Schimpfen und Fluchen. Schimpfen ist ein therapeutischer Weg, um die Erregung abzuarbeiten.

Schimpfen ist also gesund?

Der Volksmund sagt ja, und im Grunde stimmt das auch. Aber es kommt sehr auf den Gegner an. Wenn er grösser, stärker oder dümmer ist, wenn er ein Messer hat oder eine Pistole, dann kann Schimpfen äusserst ungesund sein.

Gibt es gewisse Flüche oder Schimpfmuster, die in vielen oder allen Sprachen vorkommen?

Wer flucht, der versucht immer, das grösste Tabu seiner Kultur zu verletzen. Deshalb gibt es gewisse Themen, die universal sind. Ich unterscheide drei Hauptgruppen: die Gotteslästerer, die Familienbeschimpfer und die Prüden. Gotteslästerer findet man hauptsächlich in katholischen Kulturen von Bayern bis Brasilien. Die Familienbeschimpfer gibt es vor allem in Asien, Afrika und Ozeanien, wobei am häufigsten die Mutter beschimpft wird. Und die dritte Gruppe, die Prüden, hat Angst vor Sex und den damit verbundenen Körperteilen und vor den Ausscheidungen. Man findet sie in puritanischen Kulturen, also etwa bei den Amerikanern, die sich ständig mit sexuellen und skatologischen Ausdrücken wie «fuck», «asshole», «shit» und dergleichen abreagieren.

Und sämtliche Sprachen lassen sich einer dieser Gruppen zuordnen?

Natürlich gibt's auch innerhalb dieser drei Gruppen gewaltige Unterschiede. Bei den Familienbeschimpfern zum Beispiel sind am einen Ende der Skala gewisse Indianer, bei denen man nicht einmal den Namen eines toten Verwandten aussprechen darf, da dies eine tödliche Beleidigung ist. Oder bei einem Stamm in Neuguinea ist es schon eine üble Beschimpfung, wenn man bloss sagt «du schläfst mit deiner Frau», weil man über so etwas nicht redet. Und am andern Ende des Spektrums finden wir etwa die Beschimpfung «ich ficke die Seele deiner toten Mutter» (serbisch), «ich scheisse auf deines Vaters Bart» (persisch) oder «deine Muttermilch war Kamelpisse» (arabisch).

Welches Volk schimpft am besten?

Zu den besten Fluchern und Schimpfern gehören die Ungarn; ihre Beschimpfungen sind oft gotteslästerlich und obszön zugleich: «O Gott, steck deinen herrlichen Arsch aus den Wolken und scheiss auf diese Arschlöcher.» Auch die Russen, Araber, Griechen, Bayern, Italiener und Spanier fluchen vielfältig. Die klügsten Beleidigungen findet man im Jiddischen: «Alle Zähne sollen dir ausfallen, bis auf einen, damit du Zahnweh haben kannst.» Oder: «Drei Schiffsladungen voll Gold sollst du erben -- aber das soll nicht reichen, um deine Arztrechnungen zu bezahlen.» 2000 Jahre Verfolgung, Gelehrsamkeit und Einflüsse aus drei Sprachfamilien (Deutsch, Hebräisch-Aramäisch und Slawisch) sind die wichtigsten Gründe, warum die Ostjuden so gut schimpfen können.

Und was halten Sie von der Schweizer Schimpfkunst?

Sehr viel. Man muss aber zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung unterscheiden. Die Städter schimpfen halt ziemlich primitiv, ob das nun in Wien, Köln oder Bern ist. Aber je kleiner die Gemeinde und je höher in den Alpen, desto genauer werden die anderen beobachtet und kritisiert, wenn sie von der Norm abweichen. Wenn die Einheimischen ein neues Gesicht sehen, so fragen sie: «Was isch das für eine?» und sofort fällt der erste «Schlötterlig»: Er ist ein «Tschumpel», ein «Tubel», ein «Fötzel» oder zumindest «en cheibe Tüpflischiisser».

Die Wendung «fluchen wie ein Bierkutscher» legt nahe, dass besonders die Unterschicht schimpft. Trifft dies wirklich zu?

Nur insofern, als die untere Sozialgruppe im Privatleben meist genau so spricht wie in der Öffentlichkeit. Die Mittelschicht, also die Durchschnittsbürger, die können in den eigenen vier Wänden überaus vulgär und gemein sein, aber vor Aussenstehenden sind sie sehr etepetete. Doch die grössten Heuchler findet man in der Oberschicht. Die tun zwar stets so elegant und so charmant, aber der Schein trügt. Wenn er zum Beispiel mit ein paar blonden Haaren auf dem Anzug nach Hause kommt oder wenn sie bei ihrem Liebhaber war und der Alte es merkt, dann flucht und schimpft diese «crème de la crème» noch vulgärer als der schlimmste Hafenarbeiter. Hier spielt diese Dichotomie zwischen dem öffentlichen und dem privaten Leben am stärksten.

Warum wird eigentlich die obszöne Sprache von der Philologie meistens so stiefmütterlich behandelt?

Erstens sind sie meistens Feiglinge, die Herren Professoren, weil sie auf ihren Ruf mehr bedacht sind als auf die echte Forschung, und zweitens sind sie verklemmt. Sie forschen lieber über etwas «Anständiges», das schon vor Jahrhunderten totgeforscht wurde. Aber Gott sei Dank gibt's so viele Feiglinge und verklemmte Knaben, weshalb mir ein unermessliches Gebiet zum Forschen bleibt. Praktisch jede Sprache der Welt ist in dieser Hinsicht noch weitgehend unbeackert. Dabei kann man das Gebiet von so vielen Richtungen her bearbeiten: linguistisch, psychologisch, kulturgeschichtlich, soziologisch, medizinisch, folkloristisch.

Immerhin werden solche Themen seit 20 Jahren in Ihrer Zeitschrift «Maledicta» ausführlich erörtert.

Ja, und ich muss mich in dieser Hinsicht selbst loben. Denn mit «Maledicta» habe ich viele Leute in vielen Ländern der Welt dazu angeregt, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Ich habe die Maledictologie ja praktisch begründet. Es gab zwar schon früher einzelne Arbeiten, aber noch nie hatte jemand versucht, das alles unter ein Dach zu bringen. Ich bin wie eine Kreuzspinne, die in ihrem Netz hockt, und mein Netz geht in alle Welt. Wenn zum Beispiel in Australien jemand über homosexuelle Ureinwohner schreibt oder in Kanada die Schimpfwörter der Eskimos erforscht ein paar Tage später habe ich einen Bericht darüber. Ich bin diese Zentrale geworden, weil es nichts derartiges gab. Seit 20 Jahren lebe ich nun davon, wenn man das leben nennen kann. Aber es macht mir Spass und ich mache nichts anderes, bis ich in die Grube falle.

Gibt es auch Dinge, welche so schockierend sind, dass Sie sie nicht in «Maledicta» abdrucken?

Viele Ausdrücke sind zwar so gemein, so vulgär, dass ich selbst entsetzt bin und oft nicht weiss, ob ich das drucken soll oder nicht. Doch mein Motto ist: «Was die Leute sagen, drucken wir.» Ganz egal, wie obszön oder gotteslästerlich es auch sein mag. Allerdings nehme ich damit in Kauf, dass ich verhöhnt und beschimpft werde, Drohbriefe kriege und böse Telefonanrufe, besonders von bigotten Christen. Aber ich sag' immer: manche Leute sammeln Rosen, ich sammle verbale Disteln. Manche sammeln Schmetterlinge, ich sammle sprachliche Mistkäfer.

In welcher Weise beeinflusst die «political correctness» die Schimpfkultur und die obszöne Sprache?

Zumindest in Amerika hat sich die Meinung darüber, was anstössig ist, gründlich geändert. Am verpöntesten waren hier früher die Gotteslästerungen. Bis vor etwa 30 Jahren ist das Wort «goddamn» praktisch in keiner Zeitung erschienen, ebensowenig «hell». Aber man durfte über die Neger lachen, über die Juden, die Schwulen, über verkrüppelte Leute und geistig Behinderte. Das alles galt überhaupt nicht als unfein. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das langsam. Man durfte nichts Abfälliges mehr über die Juden schreiben oder über die Polen und Italiener. Allmählich wurden Bezeichnungen wie «nigger» oder «kike» (abwertend für Jude) sehr verpönt, und ab etwa 1985 galt dies zunehmend auch für die Homosexuellen. Je verrückter und fanatischer diese Spinner mit ihrer «political correctness» wurden, desto verbotener wurden abfällige Ausdrücke gegen Frauen, Juden, Schwule und besonders gegen Schwarze. Das alles wird heute zensiert. Früher waren es die Religion und der Sex, jetzt sind ethnisch diskriminierende Wörter die schlimmste Obszönität.

Die obszöne Sprache ist einerseits konservativ, manche der vulgären deutschen Wörter haben sich seit dem Mittelalter erhalten und sind heute noch verbreitet. Andererseits ist sie aber auch kreativ und bildet immer neue Ausdrücke und Metaphern. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Diese alten Wörter wie «Arsch», «Schwanz», «vögeln» und so fort halten sich, weil es sie halt schon so lange gibt. Das sind Wörter wie «Haus» oder «Brot», die bleiben immer da, denn sie sind kurz und bündig. Aber da sie so gang und gäbe sind wie Butter und Käse, sind sie auch abgenützt und haben ihren emotionellen Inhalt und die Spannung weitgehend verloren, obwohl sie bei gewissen Gruppen noch immer eine scharfe Schneide haben. Viele vulgäre Ausdrücke kann man jedoch kaum öffentlich aussprechen und in keiner Zeitung drucken, deshalb verwendet man dafür Euphemismen. Es macht den Leuten einfach Spass, mit immer neuen Synonymen und Umschreibungen das zu sagen, was man nicht sagen soll, und dies macht die Sexualsprache so kreativ.

Was halten Sie von «kastrierten» Schimpfwörtern, wie «Scheibe» statt «Scheisse» oder «sugar» statt «shit»?

Wenn einer seinen Ärger auch so los wird, dann lache ich über den gar nicht. Er will einfach seine Erregung ablassen, und ob er jetzt sagt «Jesus Christ» oder «cheese and crackers», wenn's für ihn funktioniert, ist das sicher in Ordnung.

Welches ist Ihr Lieblingsfluch, Ihr Lieblingsschimpfwort?

Ich schimpfe nicht oft, und die meisten Leute sind es nicht wert, dass ich mich beim Schimpfen anstrenge. Aber wenn mich einer wirklich ärgert, etwa einer vom Gesindel der Rechtsverdreher, dann lass' ich los, dass die Wände wackeln. Natürlich auf Bayrisch, denn beten und fluchen tut man immer in seiner Mundart: «Ja Himmelherrgottsakramentallelujah, bluadiga, dreiunddreissig Jahr lang barfuassglaufana Greizgruzifix, verreckta!»

Copyright © 1996 Joni Müller and Neue Zürcher Zeitung
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