Financial Times Deutschland
5 September 2003

"Verdammt geschwätzig"
von
Kerstin Friemel

Note: Some of the information in this article is from my interview with Ms. Friemel but is not credited to the source (R. Aman), as noted below in blue color.

Die Menschen arbeiten weniger, aber verbringen umso mehr Zeit damit, auf den Bürofluren zu fluchen. Experten warnen, das Geschimpfe bremse den Aufschwung. Amerika hat verstanden. Dort gibt es Seminare zur Wortschatzreinigung.

Die Stirn ist runzelfrei, die Gesichtszüge wie festgetackert. Dem Mann ist anzusehen, dass ihn schon seit Jahren nichts mehr in Wallungen gebracht hat. Denn er ist der Knochen gewordene gute Ton. Emotional wie eine Raufasertapete. Und er möchte, dass alle anderen so werden wie er.

Seit fünf Jahren wäscht James O'Connor den Amerikanern den Mund. Er ist Chef der Cuss Control Academy, der Schule zur "Fluch-Kontrolle" in Lake Forest im US-Bundesstaat Illinois. Zu ihm schicken Firmen ihre Mitarbeiter, wenn diese lernen sollen, miteinander zu sprechen, ohne Wörter zu benutzen, die man in Trash-Nachmittagstalkshows mit einem Piepston überdecken würde.

Im Büro geht es nämlich kaum gesitteter zu als dort. Seit im Business die Krawattenknoten nicht mehr so fest sitzen, lockern sich auch die Zungen: "Das professionelle Umfeld hat sich oberflächlich entspannt", meint O'Connor. Das bedeute weniger Hierarchien im Büro, aber auch weniger Disziplin.

In einer Studie der Yale University gaben 78 Prozent der befragten Manager an, unhöfliche Ausfälle am Arbeitsplatz hätten in den vergangenen zehn Jahren zugenommen: Besonders viel geflucht wird, so sagen Experten, in der Finanzwelt. Aber auch 43 Prozent der rund 12.000 US-Postmitarbeiter gaben etwa in einer Umfrage des US Postal Service an, man habe sie am Arbeitsplatz schon heftig beschimpft. Akademiker motzen genauso gerne: Englische Ärzte fluchten während 100 heimlich von Forschern belauschter Operationen durchschnittlich alle 51,4 Minuten. Je länger der operative Eingriff dauerte, desto mehr böse Worte gab's im OP.

Ganze zehn Prozent unseres Vokabulars, das wir im Büro benutzen, sind fürs Schimpfen reserviert, sagt der amerikanische Sprachforscher Timothy Jay [einer meiner "Jünger"]: "Scheiße", "Mist", "Shit", "Driss": Hauptsache allerlei Zisch- und Verschlusslaute kommen darin vor [Quelle: R. Aman], sowie möglichst viele helle E- und I-Vokale. Was wir bei der spontanen Abfuhr vergessen: Wir fluchen uns in die Krise. Fünf Prozent unserer Arbeitszeit verbringen wir inzwischen damit, schätzt Jay.

Und Forscher der Universität von North Carolina fanden heraus: Mehr als ein Fünftel aller Mitarbeiter, die sich unhöflich behandelt fühlen, reduziert das Engagement. Über die Hälfte verplempert Arbeitszeit damit, sich Sorgen zu machen und Vermeidungsstrategien auszutüfteln. Sogar eine Kündigung erwägen 46 Prozent, und 12 Prozent suchen sich tatsächlich einen neuen Job.

Carl Jaskolski, Human-Resource-Experte von der Upper Iowa University, wundert das nicht. "Es ist kaum auszumalen, welche Konsequenzen die Verrohung der Sprache am Arbeitsplatz hat. Wenn unsere Worte nicht mit Vorsicht und Bedacht gewählt werden, können sie großen Schaden anrichten." Mitunter ist der sogar messbar: In Wisconsin musste eine Firma 180.000 $ an drei Frauen zahlen, weil sie sich durch eine Angestellte ständig beleidigt fühlten. "Eine Führungskraft sollte genauso über die Sprache der Mitarbeiter bestimmen können wie über Kleidung und Pünktlichkeit", lehrt Jaskolski.

Damit es den Managern einfacher fällt, geeignete Maulkörbe zu verordnen, hat der Personalexperte einen "Language Code", einen Sprachkodex, entwickelt, der von Rasse, Religion, Behinderung, Alter bis hin zur sexuellen Orientierung jegliches Feld möglicher Rüpelei abdeckt.

Immer mehr Firmen, vor allem in den USA, setzten derlei schwarze Listen für unflätige Wörter auf. Der Telekom-Anbieter Verizon Communications pflegt sie genauso wie der Autoriese General Motors. Auch der kanadische Aluminiumhersteller Alcan predigt den Angestellten: "Wir missbilligen unangemessene Sprache am Arbeitsplatz, einschließlich Fluchen, vulgäre Ausdrücke oder verbale Angriffe und Beleidigungen." Wer trotzdem flucht, riskiert die Kündigung.

Ist das gerecht? Schließlich erleichtert Fluchen die Seele. Jeder flucht - und es ist nicht einmal ein Problem von Männern, wie der Sprachwissenschaftler Thomas E. Murr[a]y [einer meiner "Jünger"] von der Kansas City State University feststellte.

Der Linguist Murry hat für eine Studie die Gespräche von 4000 Schülerinnen und Studentinnen in Klassenzimmern, Hörsälen und Umkleidekabinen belauscht. Sein Ergebnis: Die jungen Frauen fluchten, was das Zeug hält - egal ob Tochter aus gutem Haus, Arbeiterkind, Stadtgöre oder Landei, schwarz oder weiß.

Schimpfen und Motzen sei eine Art "Stuhlgang der Seele", sagt der Physiologe Peter Reeh von der Universität Erlangen. Menschen fluchen, seit es sie gibt [uralte Weisheit, schon vor 30 Jahren von mir gepredigt]. Schon die ersten Hieroglyphen dienten auch dazu, Beschimpfungen darzustellen [Unsinn!]. Im Mittelalter gab sich selbst Reformator Martin Luther rüpelig, als er fragte: "Warum rülpset und furzet ihr nicht?" Leidenschaftlich fluchen konnten später auch Mark Twain, Friedrich Nietzsche und Johann Wolfgang Goethe: "Schlagt ihn tot, den Hund!", sagte der etwa über einen Literaturkritiker. "Fuck" tauchte erstmals 1485 erstmals in einem britischen Gedicht auf [falsch].

Dabei folgen alle Verwünschungen einer Regel - stets gilt es, das stärkste Tabu der Gesellschaft zu brechen, sagt Reinhold Aman, in den USA lebender deutscher Malediktologe (so nennen sich die Fluch-Wissenschaftler). In Afrika, Asien und Ozeanien wird etwa gegen die Familie des Beschimpften gewettert, vor allem gegen die Eltern: "Furz doch in den Bart deines Vaters."

In den prüderen protestantischen Kulturen dreht sich beim Fluchen dagegen alles rund um die Tabuthemen Sex und Körperausscheidungen: Bei Nordamerikanern besonders beliebt ist "Fuck" in allen nur erdenklichen Variationen. In Deutschland beherrschen eher Exkremente den Unwortschatz - das ist laut Sprachwissenschaftler Aman auch ein Hinweis darauf, dass die Bundesbürger es im Alltag mit der Reinlichkeit sehr genau nehmen.


Wenn Fluchen also einem Urtrieb entspringt, ist ihm allein mit Regularien schwer beizukommen. Ein Sprachkodex sei lediglich ein erster Schritt, betont Carl Jaskolski. "Das Ziel muss sein, den Mitarbeitern bewusst zu machen, dass sie durch obszöne Wörter der Firma schaden - und damit auch sich selbst."

Wer sich also nicht mehr selber schaden möchte, muss auf James O'Connor von der Cuss Control Academy hören. Schließlich beherrscht der die "Fluch-Kontrolle" wie kein anderer. Und gibt gerne ein paar Ratschläge zur Selbsttherapie.

Im Wesentlichen führt der Weg zum besseren Wort über drei Stationen. "Zuerst müssen wir erkennen, dass wir zu viel fluchen", sagt O'Connor. Ein Selbstbekenntnis, das vergleichsweise locker über die Lippen geht. Selbst Oprah Winfrey, amerikanische Talk-Show-Queen, gab - von O' Connor befragt - in ihrer Show zu, dass sie zu viel meckert.

Anschließend, sagt O'Connor, müssen wir uns fragen, warum wir so viel fluchen. Einerseits ist die Arbeitswelt härter geworden: Mehr Wettbewerb, mehr Druck, mehr Arbeit für weniger Leute [Quelle: R. Aman]. Doch hinter der Fluch-Manie steckt, glaubt man O'Connor, auch Eigennutz. Männer meinen etwa, ihr Gefluche sei witzig oder imposant. Frauen motzen derweil aus Opportunismus. "Sie wollen zeigen, dass sie genauso robust wie ihre männlichen Mitarbeiter sind." [Quelle: R. Aman] Ihre Sorge ist: Bloß nicht Außenseiterin sein, wenn ihre Kollegen in Besprechungen schmutzige Witze reißen und schmutzige Zoten erzählen. "Sie haben das Gefühl, mitmachen zu müssen, um akzeptiert zu werden."

Hauptschuldige sind für den Anti-Fluch-Trainer jedoch die Medien. Das ging schon 1939 los, als Rhett Butler in dem Film "Vom Winde verweht" auf die Frage von Scarlett O'Hara, was aus ihr werden würde, antwortete: "Frankly, my dear, I don't give a damn." Harmlos übersetzt: "Ganz ehrlich, meine Liebe, das ist mir schnurz." Die Rüpelei, die den Filmproduzenten damals ein Strafgeld von 5000 $ kostete, gilt als Initialzündung für den Aufstieg des Fluchens, den Hollywood realisierte: Was anrüchig ist, verkauft sich besser: In den späten 60er und frühen 70er Jahren ließen Regisseure ihre Schauspieler in Kinofilmen immer häufiger fluchen - um den Verlust der Zuschauer ans Fernsehen zu begrenzen. Der Vorsprung hielt allerdings nicht lange. "Heute setzen ,Die Sopranos' und ,Sex and the City' den Standard", so O'Connor. Dabei müssen sich die Drehbuchschreiber freilich geschickt bei der Wortwahl anstellen, denn in den Vereinigten Staaten gilt für TV-Sendungen ein strenges Regelwerk für die Wortwahl.

Im Show-Buizz [sic] gehen derweil sprachliche Entgleisungen bereits als Kulturgut durch. Vor laufenden Fernsehkameras hatte Madonna 2001 als Laudatorin die bei der Turner-Preis-Vergabe nominierten Künstler als "Motherfuckers" beschimpft - und anschließend vom britischen Preis-Gewinner Martin Creed das Lob kassiert, es habe sich dabei um einen "künstlerischen Akt" gehandelt.

Auch auf die Vorbildfunktion der Politik hofft man vergebens. In den USA durfte der jetzige Präsident George W. Bush einen Journalisten im Wahlkampf unlängst öffentlich "Arschloch" nennen. Und in Deutschland gesittet man sich nicht besser. Legendär der Einsatz des heutigen Außenministers Joschka Fischer: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!", fuhr der 1984 als grüner Parlamentarier den damaligen Bundestags-Vizepräsidenten Richard Stücklen von der CDU an. Zimperlich gibt man sich im Bundestag auch sonst nicht: In den Sitzungsprotokollen finden sich Wörter wie "Dummschwätzer", "sozialpolitischer Furzer", "Prolet", "Null-Lösung am Rednerpult" oder "Neandertaler vom Dienst".

"Zu fluchen ist heute gesellschaftlich akzeptiert, verletzt viele aber noch genauso wie früher", meint O'Connor. Da hilft wohl nur Schritt drei von O'Connors Anti-Fluch-Kurs: Wie vermeide ich in Zukunft Schimpftiraden? In Japan dürfen Hitzköpfe in einem Extra-Raum bereitstehendes Geschirr an der Wand zerdeppern. [Quelle: R. Aman] In den USA lagen in den 80er Jahren in vielen Büros Schaumstoff-Baseball-Schläger, mit denen sich voneinander genervte Kollegen attackieren konnten. [Quelle: R. Aman] Anti-Fluch-Meister O'Connor plädiert derweil für die Ghandi-Methode der Fluchvermeidung.

Hier seine drei Tipps. Nummer eins: Fluch-Standards durch alternative harmlose Worte ersetzen. [Uralt, von mir seit 30 Jahren gepredigt] Seine Schüler üben, statt "Shit" das harmlose Wort "Chips" hervorzustoßen, statt "Fuck" lieber "Frog" (Frosch), und an die Stelle von "Fucking" einfach die weitgehend bedeutungslosen Alternativen "Freaking" und "Bleeping" zu setzen. Tipp Nummer zwei: Immer vorstellen, die eigene Großmutter oder die fünfjährige Tochter würden neben einem stehen. Und schließlich: In jeder Situation die eigene Geduld trainieren. "Beim Verkehrsstau nicht fluchen - sondern die Zeit produktiv nutzen."

Wer das beherzigt, dem geht es vielleicht bald so wie Jonathan Rix. Der Student hat einen Kurs an der Cuss Control Academy absolviert und lobt, sein Leben habe sich seitdem verändert. Früher sei er ein "Fluchaholic" gewesen. Wenn ihm jedoch heute ein Fluch entweiche, fühle es sich jedes Mal an, als ob er "einen Nierenstein ausscheidet". Und das tut wohl auch weh.

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