Die Zeit

23. November 1984
Nr. 48, S. 58 und 62

Fluchen in aller Welt

Ein amerikanischer Germanist betreibt eine neue Wissenschaft:
"Maledictologie" -- Schimpfwortforschung

Eine Zeitschrift für verbale Aggression


Von Hans Daiber

Soeben ist erschienen: "Maledicta: The International Journal of Verbal Aggression", verspätet, aber kompakte 320 Seiten, Frucht eines Ein-Mann-Unternehmens. Dieser Mann ist Reinhold Aman, der erste und einzige "Maledictologe" der Welt. Er muß Jahrtausende aufarbeiten. "In der Schimpfwortforschung gibt es fast nur unbeantwortete Fragen", sagt er. "Selbst wenn ich zwanzig Leben hätte, würde ich nicht fertig werden." Jetzt ist er 48 Jahre alt.

Es war ein Gespräch in der Kleinstadt Waukesha im US-Staat Wisconsin. Dort, in einer Gartenvorstadt mit hübschen Holzhäusern, ist die Schimpfwortzentrale, seit 1977. Die ersten Jahre waren hart. Aman hatte die Hauptstadt Milwaukee am Michigan-See verlassen müssen, weil man in der Provinz billiger lebt. Das Dunghill College hatte ihm die Anstellung auf Dauer verweigert, und Aman hatte der "kadademischen" Welt daraufhin schimpfend den Rücken gekehrt. Bis dahin hatte er Germanistik und Literatur des Mittelalters gelehrt und über das Schimpfen in den mittelalterlichen Epen noch einmal promovieren wollen.

Von den etwa zehntausend Sprachen und Hauptdialekten hat er bisher zweihundert untersucht. Dabei ist er auf eine weltumfassende Grobeinteilung gekommen. In katholischen Ländern überwiegen die blasphemischen Beschimpfungen ("Kruzifixkerl!"), in protestantischen die sexuellen ("Wandervögler") und exkrementalen ("Scheißkerl"), im "Rest der Welt" -- damit meint er Asien, Afrika und die Südsee -- dominieren die Beschimpfungen der Familie: "Ich furze in den Bart deines Vaters!" Es wird überall das am meisten Tabusierte zum Fluchen und Verfluchen benutzt. Es fiel Aman auf, daß die nordamerikanischen Indianer früher die Sippenbeschimpfung vorzogen. Darin sieht er einen sprachlichen Beweis für die Ureinwanderung aus Asien über die polare Landbrücke. Die heutigen Indianer sind so amerikanisiert, daß sie wie die immer noch als prüde geltenden WASPs schimpfen, die White Anglo-Saxon Protestants.

Spielerisch führt Dr. Aman den Computer vor, auf dem er "Maledicta" selber setzt, eigentlich ein Jahrbuch. Es geht an 2500 Abonnenten in 63 Ländern, sämtlich Intellektuelle. Es wären mehr, aber ständig ärgern sich Feministinnen und Maskulinisten unter den Lesern tot. Die Gesamtauflage beträgt 5000 Exemplare. Die Thematik ist geradezu abenteuerlich weit, sie geht von historischer Macho-Rhetorik in Spanien und Schimpf in der altchinesischen Mandarin-Sprache bis zu den Graffiti von heute.

Die neueste Nummer enthält etwa drei Dutzend Aufsätze, geschrieben meist von Gelehrten, die hier Auslauf fanden in Randgebiete ihrer Wissenschaft. Aman selber lieferte sechs Beiträge, zum Beispiel eine Liste von abschätzig gebrauchten bayrischen Namen. Er kennt sie aus eigener Erfahrung, denn er stammt aus Niederbayern. Sein "Bayrisch-österreichisches Schimpfwörterbuch" mit einem in die Maledictologie gut einführenden Anhang ist als Goldmann-Taschenbuch (Nr. 26523) im Handel. Spöttisch offeriert Aman in einem weiteren Aufsatz einige im Englischen bisher fehlenden Wörter für synchronen und asynchronen Orgasmus. Auf der Suche nach einer idealen Definition führt er vor, wie schwer sich angloamerikanische Lexika mit dem Begriff "Smegma" tun. Er setzt vor allem den Bericht über beleidigende Rätsel, Witze und Wortspiele fort, auch rassistische und sexistische. Maledictologie kann man nur ungeniert oder gar nicht betreiben.

Überwiegend herrscht Heiterkeit. Meist kommt sie aus der Sache, die von Wortspielen, Sinnverschiebungen, Doppeldeutigkeiten strotzt. Ein Essay über Schamteile ("private parts") in der altpersischen Schimpfdichtung ("insult poetry") enthält eine Definition der Obszönität auf englisch und arabisch von Abu Hamid al-Ghazzali, einem Doktrinär aus dem 11. Jahrhundert: "Die Bezeichnung von Peinlichem ("repugnant matters") in zupackender Sprache ("straight-forward language"). In diesem Sinn ist "Maledicta" obszön. Als Chronik der Umgangssprache ist diese Zeitschrift beispiellos. Eine Kuriosität aus Intellektualität und Vulgarität.

Der deutschen Schimpfkraft weist Aman gute Mittelklasse zu. Unübertroffen an Gemeinheit seien die Schimpfworte der Ungarn und Rumänen, denn in ihrem Übergangsgebiet träfen lateinische Katholizität und slawische Kultur zusammen, denen das jeweils Vulgärste entnommen werde. Ganz besonders ergiebig seien die Ostjuden. Erstens weil sie ebenfalls einer Mischkultur entstammen, zweitens weil die Ohnmacht gegenüber ständiger Unterdrückung Intellektualität und verbale Aggression gefördert habe. Die typisch ostjüdische Verfluchung sei auf Entwaffnung durch scheinbare Freundlichkeit aus ("Du sollst berühmt werden ..."), um dann um so überraschender zuschlagen zu können: "... weil sie eine Krankheit nach dir nennen."

Beschimpft wird alles, was nicht "normal" ist. Und normal bin immer ich. Die Weißen sagen: Neger stinken. Aber in Ghana gibt's die Redensart: "Du stinkst wie ein Weißer aus der Achselhöhle." In England gebe es 40 000 Adjektive für Abweichungen von der moralischen Norm. Im Deutschen seien die Berufsschelten häufiger als in allen anderen Sprachen. Allein für Lehrer gebe es etwa vierzig Beschimpfungen. "Es werden immer die autoritären Berufe angegriffen: Pfarrer, Polizisten, Lehrer."

Hund, Affe, Esel, Ochse, Kuh und vor allem das Schwein müssen weltweit zum Schimpfen herhalten, wobei aber kulturelle Unterschiede zu beachten sind. Eine als "Kuh" beschimpfte Frau ist nach unserer Vorstellung dumm und plump, nach französischer aber boshaft. Kein Araber verbindet mit dem Kamel negative Vorstellungen. Ich wollte wissen, warum der Hund, "des Menschen bester Freund", so verachtet werde. Als Herdentier unterwerfe er sich "hündisch" seinem Herrn als dem Leittier, erklärte Aman. Vor allem aber leite sich die Verachtung des Hundes, wie des Geiers und der Fliege, aus der Aasfresserei her. Die klassischen Griechen verachteten ihn, weil er sich auch über gefallene Helden hermachte.

Könnte man aus Schimpfwörtern das Wertsystem einer Kultur erschließen? Durchaus, sagt Aman. Man müsse nur jeweils das Gegenteil bedenken. Schimpfwörter seien viel zahlreicher und ehrlicher als Kosewörter. Weil Schimpfen entspannt, sei es schlimm, daß die Schimpfwörter verschleißen, ohne daß genügend neue nachkommen. Da es auf den Hauptgebieten für Schimpf (Familie, Religion, Staat, Sex) kaum noch Tabus gebe, könnten neue Schimpfwörter kaum noch auftauchen. Typisch die Situation in den USA: die Ausdrucksarmut der Durchschnittsamerikaner (2000 Wörter als Repertoire) lasse auch ihre "Schimpfkultur" verkommen. Die restlichen paar Dutzend Schimpfwörter werden überanstrengt und verschleißen um so schneller.

Was tun? Übernahmen aus fremden Sprachen bringen nicht viel, weil das Fremde nicht emotional geladen ist. Vorübergehend hilft die Steigerung von Gewohntem. Für die Zukunft sieht Aman schwarz. Der erste, der im Neandertal geschimpft statt zur Keule gegriffen habe, der habe (laut Freud) die Menschheit auf eine höhere Stufe gehoben. Der weltweite Verfall der Schimpfkultur in der Gegenwart sei mit schuld am Umsichgreifen von Gewalt. "Von der physischen Aggression über die verbale Aggression zurück zur Keule." Schlimme Aussichten.

Copyright © 1984 Die Zeit

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